Staffel 7 - Vorlesungen an besonderen Orten

Informationen zu Themen, Orten und Datum der in 2020 durchgeführten Veranstaltungen sowie ggf. die Vortragsfolien finden Sie hier.

Zum Programm der Veranstaltungsreihe 2020

Veranstaltungreihe 2020

6. Oktober 2020

Thema: "Erinnern und Gesundheit: Pflege im dritten Reich - Etische Fragestellungen gestern und heute", mit Herrn Prof. Dr. phil. Wolfgang von Gahlen-Hoops, Fachbereich Gesundheit, Pflege, Management an der Hochschule Neubrandenburg, Herrn Dr. Stommer, Leiter der Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse, Dr. med. Kirchhefer, Leiter der Psychatrie im Dietrich Bonnhoefer Klinikum Neubrandenburg; Moderation Mirko Hertrich, Chefreporter der Lokalredaktion Neubrandenburg beim nordkurier

Foto: Fabian Schwanzar, EBB Alt Rehse
Foto: Fabian Schwanzar, EBB Alt Rehse
Foto: Fabian Schwanzar, EBB Alt Rehse

Die ehemalige Führerschule der Deutschen Ärzteschaft als Einrichtung des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes, heute eine Lern- und Begegnungsstätte im ehemaligen Täterort Alt Rehse, bot den Raum für die Vorlesung an besonderen Orten am 6. Oktober 2020.

Nach einem Rundgang für alle Teilnehmenden begrüßte Herr Mirko Hertrich die anwesenden Gäste. Anschließend wies Herr Dr. Stommer den Ort, im Gegensatz zu vielen anderen Gedenkstätten, als ehemaligen Täterort aus. Er fragte danach, was in den Funktionseliten vorging, was sie zu dem damaligen Handeln motivierte. War es Gruppendynamik oder die Entscheidung jedes Einzelnen, obwohl der Eid des Hippokrates geleistet wurde, der dem Wohl des Einzelnen verpflichtet, trotzdem bei der Auslese zur Zwangssterilisation und zu Euthanisieaktionen, sowie Tötungshandlungen in KZ beigetragen zu haben.

Herr Prof. von Gahen-Hoops nutzte den Vortrag, um einen Bogen von der Geschichte der strukturellen Veränderungen und juristischen Umbauten zur Zeit der NationalSozialisten, über die Rolle und Selbstwahrnehmung der Pflegenden als verantwortungsarme Pflichterfüller und die sich daraus ergebenden etischen Fragestellungen für heute zu beschreiben. Damit sich institutionell gelernte Verantwortlungslosigkeit der Pflegenden nicht wiederholt, muss ethisches Lernen Bestandteil der Pflegeausbildung werden. Die Ausbildung Pflegender dürfe nicht wieder staatlicher Willkür preisgegeben werden. Pflegende sollten daher die Geschichte des Handelns der Profession in ihrer eigenen Ausbildung auch individuell reflektieren.

Im dritten Reich wurden die Menschen völlig umerzogen und Gesundheit diente als wichtiges Thema, um dies zu transportieren. Durch strukturelle Veränderungen, wie der Aufbau von Dachorganisationen, wurden Pflegende zur Elite zugehörig und nahmen mit der Weiterleitung von Informationen Einfluss.

Das reichseinheitliche Krankenpflegegesetz schrieb die Ausbildung nach Rassehygienegrundsätzen fest. Eine Aufnahme zur Pflegeausbildung erfolgte auch nach arischen Kriterien. Durch die gesellschaftliche und juristische Werteverschiebung galt die Pflege nicht mehr dem Einzelnen, sondern dem Volk. "Die Reinheit des Volkskörpers wurde über das Wohl des Einzelnen gestellt.“

Pflegende waren elitäre Umsetzer der an Universitäten gelehrten Rassenideologien. Sie waren beteiligt an Zwangssterilisation, Kindstötungen und Massenmord aufgrund rassisch motivierter medizinischer Indikation. Meist zu zweit haben sie ohne erkennbaren Sterbewillen tödliche Medikamentendosen verabreicht. 

Bei der anschließenden Diskussion wurden verschiedene Aspekte thematisiert. Patiententötungen gibt es bis heute. Herr Dr. Kirchhefer betonte, dass der Patientenwille heute maßgeblich für eine Behandlung sei. Auch müssten die Krankenhäuser über ausreichend Ressourcen für die Behandlung verfügen. Ein Teilnehmer machte in Gesprächen nach der Diskussion darauf aufmerksam, dass auch heute noch Medikamente ohne ausreichende Tests verschiedenen Patienten verschrieben werden.

Die Veranstaltung wurde live ins Internet übertragen und kann von allen Interessierten auf dem yt-Kanal der Hochschule Neubrandenburg abgerufen werden.

Weitere Informationen:

Vortrag von Prof. von Gahlen-Hoops
Radiobeitrag zum Nachhören der Vorlesung, am 20.11.2020 um 18 Uhr und Wiederholung am 28.11.2020 14 Uhr live auf UKW 88.0 MHz

 

29. September 2020

Thema: "Erinnern und Medizin - Zur Arbeit eines Ethnopharmakologen", mit Herrn Fabian Schultz, Doktorand an der TU Berlin und Mitglied der Arbeitsgruppe Chemie von Prof. Garbe an der Hochschule Neubrandenburg

Die Vorlesungen an besonderen Orten waren am 29. September zu Gast im Wangeliner Garten. Fabien Schultz hielt einen Vortrag zu seiner Forschungsarbeit auf dem Fachgebiet der Ethnopharmakologie. Er berichtete über seine Forschungsreisen nach Afrika und die internationale Zusammenarbeit mit Forschern aus den USA, Frankreich und England.

In Afrika sprach Fabien Schultz mit Heilerinnen und Heilern über die dort verwendeten Heilpflanzen und Behandlungsmethoden. Intensiv widmete er sich im Rahmen seiner Doktorarbeit auch der Erforschung der Selbstmedikation bei Menschenaffen. Ein wichtiger Teil seiner Arbeit sei weiterhin, den Heilerinnen und Heilern in Afrika das Wissen aus der Forschungsarbeit in Deutschland zurückzugeben. Dazu wurden erfolgreich Workshops in Afrika durchgeführt, wo die Ergebnisse der Forschung aus Deutschland bekanntgegeben wurden. Auf einer webbasierten Forschungsplattform wird das Wissen systematisch zusammengetragen und kann im Forschungsverbund zusammen genutzt werden.

Der Vortrag enthielt spannende Einblicke in die Arbeit im Forschungslabor der Hochschule Neubrandenburg. Zum Forschungsprozess hörten die Teilnehmenden alles Wissenswerte: von der Identifikation der afrikanischen Heilpflanzen, über die Extraktherstellung mittels Wasser oder Öl, bis zur Analyse auf Wirkstoffe gegen Malaria oder etwa gegen multiresistente Keime, gegen die viele Antibiotika schon nicht mehr funktionieren. Auch der Wissenschaftskommunikation müssten sich Forscher heutzutage stellen. Neben Veröffentlichungen im "Journal of Ethnopharmacology", hat Fabien Schultz einen twitter-account, den er für eine größere Sichtbarkeit seiner Arbeit nutzt.

Seit Neuestem beschäftigt sich Fabien Schultz auch mit der "Vergessenen Medizin Europas" und ungewöhnlichen heimischen Heilpflanzen, wo er genauso nach Wirkstoffen forscht. Er ermunterte die Teilnehmenden, bei Spaziergängen selbst Pflanzen zu bestimmen, mithilfe von Büchern oder dem Internet auf dem Mobiltelefon.

Bei der anschließenden Diskussion wurde beispielsweise zum Unterschied der Verwendung frischer oder bei 40°C im Schatten getrockneter Pflanzen gefragt. Zudem gab es eine Nachfrage zur Bedeutung der Spiritualität und zum Gottesverständnis in Europa und in Afrika gestern und heute. Die Frage bezog sich auf das Zitat von Paracelsus: "All that man needs for health and healing has been provided (by God) in nature, the challenge of science is to find it."

Die Veranstaltung wurde live ins Internet übertragen und kann von allen Interessierten auf dem yt-Kanal der Hochschule Neubrandenburg abgerufen werden.

Weitere Informationen:

Vortrag von Fabien Schultz
Radiobeitrag zum Nachhören der Vorlesung, Wiederholung am 17.10.2020 15 Uhr live auf UKW 88.0 MHz
Presseinformation zur Forschungsarbeit von Fabien Schultz und Prof. Dr. Leif-Alexander Garbe
 

16. Juni 2020

Thema: "Erinnern und Demokratie - Das KZ im Wald bei Neubrandenburg", mit Frau Prof. Júlia Wéber, Hochschule Neubrandenburg, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung und Frau Dr. Constanze Jaiser, Projektleiterin bei der RAA MV e.V.

Die Hochschule Neubrandenburg lud zu einer öffentlichen Veranstaltung an einen außergewöhnlichen Ort ein. Im ehemaligen Außenlager des KZ Ravensbrück im Wald bei Neubrandenburg, der nicht frei zugänglich ist, fand ein Austausch zu Perspektiven der Erinnerungsarbeit statt. Über 60 Bürger*innen aus Neubrandenburg und der Region Mecklenburgische Seenplatte nahmen an der Vorlesung mit anschließender Diskussion teil.

Nach persönlichen Grußworten von Herrn Peter Modemann, 1. Stellvertretender Oberbürgermeister der Stadt Neubrandenburg und Herrn Prof. Gerd Teschke, Rektor der Hochschule Neubrandenburg erinnerte Frau Dr. Constanze Jaiser an die Anfänge der Entwicklung des ehemaligen KZ-Außenlagers als Gedenkort nach der politischen Wende. Mit dem Projekt "zeitlupe | Stadt.Geschichte & Erinnerung" wurden von der RAA MV z.B. Materialien aus dem Stadtarchiv und dem Regionalmuseum Neubrandenburg ausgewertet und aufbereitet sowie Zeitzeugen befragt. Im Rahmen eines weiteren RAA-Projekts wurde im vergangenen Jahr ein Nutzungskonzept für das Land Mecklenburg-Vorpommern entwickelt. Aus diesen Projekten entstand eine Materialsammlung mit internationaler Perspektive. Diese soll die Lehrenden heute bei ihrer Tätigkeit für eine lebendige, mit Beteiligung der Betroffenen, gemeinsam zu erarbeitende regionale Erinnerungskultur unterstützen, aber auch zur eigenverantwortlichen Biografiearbeit von Bürgerinnen und Bürgern einladen. Ein weiteres Beispiel der Arbeit ist der actionbound: Zwangsarbeit in Neubrandenburg, eine Bildungsralley für Smartphones.

Mit ihrem Vortrag über Demokratiegefährdungen heute und dem Auftrag, diesen, mit Bildung für Erinnerungsarbeit und mit Gedenkstättenpädagogik als Handlungsfeld Sozialer Arbeit, entgegenzuwirken, stellte Frau Prof. Júlia Wéber den "strukturellen Rassismus" gestern und heute in den Fokus. Mit rassistischen Praktiken, wozu auch Niedriglöhne und schlechte Arbeitsbedingungen zählen, würden Menschen fremd gemacht. Dabei sei auch institutioneller Rassismus auf einen Verstärkungsraum angewiesen. Sie betonte die rassismuskritische Haltung als Horizont von Hochschullehre in den Studiengängen des Fachbereich SBE und skizzierte spannende Möglichkeiten der Zusammenarbeit der anwesenden Institutionen und Akteur*innen in der Region. Gesellschaftliches Engagement und Reflexionen darüber sind grundlegend für eine starke Demokratie.

In der anschließenden Podiumsdiskussion betonte Herr Harald Menning, Leiter des Forstamtes Neubrandenburg, die Notwendigkeit der Entwicklung des Gedenkortes mit Sensibilität gegenüber Geschichte und Natur. Herr Georg Kahl, Jugendoffizier der Bundeswehr stellte die Bedeutung des Ortes für die politische Bildung von Schülerinnen und Schülern in den Fokus. Nach dem Motto „eine lebendige Erinnerungskultur erfordert lebendiges Aushandeln“ möchte die Projektleiterin von zeitlupe, Frau Jaiser, das ehemalige KZ-Außenlager Waldbau mit kreativen Formaten als Gedenkort weiterentwickeln und für mehrere Veranstaltungen im Jahr öffnen. Herr Modemann erläuterte die Möglichkeiten der Stadt Neubrandenburg und die Chance von Bündnissen, weitere Gelder etwa über den Strategiefond des Landes Mecklenburg-Vorpommern einzuwerben. Auch ein Radweg Neubrandenburg/Neustrelitz zur Erschließung des, an der B96 sich befindenden Ortes, von den Anwesenden mehrfach eingefordert, müsse sowieso geplant werden. Er berichtete, bei Gesprächen mit dem Landkreis – z.B. bei den nicht öffentlichen Runden Tischen zur Entwicklung des ehemaligen KZ-Außenlagers als lebendigen Gedenkort – dafür zu werben.

Am Ende der Veranstaltung wurde von Bürgerinnen und Bürgern die Entstehung eines Aktionsbündnisses diskutiert. Pragmatisch wurde nach konkreten Mitwirkungsmöglichkeiten der Bundeswehr und der Hochschule Neubrandenburg sowie weiteren Partnern bei Freiwilligeneinsätzen gefragt. Außerdem müsse weiter nach Biografien und den Inhaftierungsgründen der Zwangsarbeiter*innen recherchiert werden. Einen Gedenktourismus sollte es nicht geben, eine marktkonforme Demokratie auch nicht. Für Frau Prof. Júlia Wéber  zeigt das engagierte Interesse der anwesenden Bürger*innen aus Neubrandenburg und der Mecklenburgischen Seenplatte, dass die lokale Bevölkerung aus verschiedenen Generationen sich an der "partizipativen Ausgestaltung" der Erinnerungsarbeit an diesem Ort beteiligen möchte. Dieses Potenzial lässt auf einen gemeinsamen Konsens hinsichtlich einer Nutzung des Gedenkortes trotz der divergierenden Interessen hoffen.

Weitere Informationen:

Artikel nk vom 18. Juni
Radiobeitrag zum Nachhören der Vorlesung, Wiederholung am 3.7. live auf UKW 88.0 MHz
Nutzungskonzept der RAA MV für den Gedenkort
Koordinaten zum Bodendenkmal