Als erste der vier im Projekt ProfQuaNB geförderten Promovierenden der Hochschule Neubrandenburg hat sie damit einen wichtigen Meilenstein erreicht. Ihre Forschung zeigt, wie sich die zunehmende Automatisierung in Milchviehställen auf das Wohlbefinden von Kühen auswirkt. Im Interview spricht sie über überraschende Forschungsergebnisse, die Herausforderungen einer Promotion und darüber, warum sie sich jederzeit wieder für diesen Weg entscheiden würde.
Digitalisierung im Kuhstall – gut für Mensch und Tier?
Melkroboter, automatische Fütterungssysteme und digitale Überwachungstechnologien verändern die moderne Milchviehhaltung. Doch was bedeutet der zunehmende Technikeinsatz eigentlich für die Tiere?
Dieser Frage widmete sich Lianne Lavrijsen-Kromwijk in ihrer kumulativen Dissertation, die sie in Kooperation mit der Universität Rostock am Fachbereich Agrarwirtschaft und Lebensmittelwissenschaften der Hochschule Neubrandenburg erarbeitete. Betreut wurde die Promotion von Prof. Dr. Sandra Rose. Vonseiten der Hochschule Neubrandenburg war Prof. Dr. Christian Looft als Gutachter beteiligt.
Für ihre Untersuchung besuchte die Wissenschaftlerin 32 Milchviehbetriebe mit unterschiedlichen Automatisierungsgraden. Sie untersuchte das Tierwohl anhand verschiedener Erhebungsverfahren und analysierte unter anderem die Kortisolkonzentration in Haarproben von insgesamt 480 Kühen.
Ein Ergebnis überraschte sie besonders: Mit zunehmender Automatisierung kann sich offenbar auch die Beziehung zwischen Mensch und Tier verbessern.
„Das klingt eigentlich etwas paradox, da der Mensch weniger direkt am Tier arbeitet. Allerdings ändert sich die Art des Umgangs mit den Tieren – und das hin zum Positiven.“
Die Erkenntnisse sind nicht nur für die Wissenschaft relevant. Angesichts des Fachkräftemangels und steigender gesellschaftlicher Erwartungen an das Tierwohl stehen viele Milchviehbetriebe vor der Entscheidung, in Automatisierungstechnologien zu investieren. Liannes Forschung liefert wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie sich diese Veränderungen auf die Tiere auswirken.
Wissenschaftliche Publikationen
Die Ergebnisse ihrer Forschung hat Lianne Lavrijsen-Kromwijk gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlerinnen bereits in zwei internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht. Beide Beiträge sind frei zugänglich (Open Access).
1. Einfluss der Automatisierung auf das Tierwohl von Milchkühen (2024)
Impact of Automation Level of Dairy Farms in Northern and Central Germany on Dairy Cattle Welfare
Die in der Fachzeitschrift Animals veröffentlichte Studie untersucht den Zusammenhang zwischen dem Automatisierungsgrad von 32 Milchviehbetrieben und verschiedenen Tierwohlindikatoren. Die Ergebnisse zeigen positive Effekte auf das Verhalten der Kühe und die Mensch-Tier-Beziehung. Beim Tierwohl-Gesamtergebnis wurden hingegen keine signifikanten Unterschiede zwischen den Automatisierungsgraden festgestellt.
Zur Publikation in Animals (2024)
2. Stressmessung bei Milchkühen anhand von Haarproben (2025)
Hair cortisol concentration of dairy cattle is unrelated to automation level of dairy farms—however, it can reflect Welfare Quality® measures
Die 2025 in Frontiers in Animal Science veröffentlichte Studie untersucht, ob sich der Automatisierungsgrad von Milchviehbetrieben auf die Konzentration des Stresshormons Kortisol im Kuhhaar auswirkt. Zwar zeigte sich eine Tendenz zu niedrigeren Kortisolwerten bei zunehmender Automatisierung, diese war jedoch statistisch nicht signifikant. Gleichzeitig konnten Zusammenhänge zwischen der Kortisolkonzentration und einzelnen Tierwohlindikatoren nachgewiesen werden.
Zur Publikation in Frontiers in Animal Science (2025)
Im Interview: Lianne Lavrijsen-Kromwijk über ihren Promotionsweg
Lianne, du bist selbst auf einem Milchviehbetrieb aufgewachsen. War für dich schon früh klar, dass du dich einmal wissenschaftlich mit Kühen beschäftigen würdest?
Ja, ich bin auf einem Milchviehbetrieb groß geworden und lebe und arbeite auch heute noch auf einem solchen Betrieb. Bereits während meiner Bachelor- und Masterarbeit hatte ich viel Freude am wissenschaftlichen Arbeiten. Deshalb habe ich mich auf die Promotionsstelle im Projekt ProfQuaNB beworben. Das Thema Automatisierung und Digitalisierung in der Milchviehhaltung war in groben Zügen bereits vorgegeben, knüpfte aber auch an meine Bachelorarbeit an.
Was war die größte Herausforderung auf deinem Weg zur Promotion?
Die größte Herausforderung war tatsächlich der Anfang: eine konkrete Forschungsfrage zu entwickeln und die Untersuchung zu planen. Mir wurde dabei viel Freiraum gegeben, was Fluch und Segen zugleich sein kann.
Einerseits kann man sich intensiv mit einem Thema beschäftigen, das einen wirklich begeistert. Andererseits ist es gar nicht so einfach, sich auf eine Fragestellung festzulegen, mit der man sich mindestens drei Jahre beschäftigen wird. Hinzu kommt die Herausforderung, eine Forschungslücke zu finden, die sich mit den verfügbaren zeitlichen und finanziellen Ressourcen auch tatsächlich untersuchen lässt.
Du hast seit 2023 im Projekt ProfQuaNB promoviert. Welche Bedeutung hatte das Projekt für deinen wissenschaftlichen Weg?
ProfQuaNB hat mir wichtige zeitliche und finanzielle Ressourcen zur Verfügung gestellt und mir ermöglicht, mich intensiv mit meiner Forschung auseinanderzusetzen.
„Für einen Doktoranden sehe ich eine Stelle in dem Projekt als den Sechser im Lotto.“
Neben der wissenschaftlichen Arbeit und Lehrveranstaltungen konnte ich auf vielfältige Unterstützungsangebote zurückgreifen. Dazu gehörten finanzielle Mittel für Weiterbildungen und Tagungen sowie der Zugang zu wichtigen Hochschulressourcen, etwa Statistiksoftware und wissenschaftlicher Literatur.
Auch bei Reisekosten für Datenerhebungen oder Laborkosten gab es Unterstützungsmöglichkeiten. Besonders wertvoll war außerdem die organisatorische und fachliche Begleitung durch Professorinnen und Professoren, Betreuende und andere wissenschaftliche Mitarbeitende.
Wissenschaft, Praxis und akademische Karriere miteinander verbinden
Die erfolgreiche Promotion von Lianne Lavrijsen-Kromwijk ist zugleich ein besonderer Meilenstein für das Projekt ProfQuaNB – Qualifizierung auf dem Weg zur HAW-Professur der Hochschule Neubrandenburg.
Das Projekt verfolgt das Ziel, wissenschaftlichen Nachwuchs gezielt für eine Professur an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) zu qualifizieren. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein der Erwerb des Doktorgrades, sondern die umfassende Vorbereitung auf das vielfältige Aufgabenprofil einer HAW-Professorin oder eines HAW-Professors.
Ein wesentlicher Bestandteil ist die Verbindung von wissenschaftlicher Qualifizierung und beruflicher Praxiserfahrung im Rahmen der sogenannten dualen Promotion. Lianne war seit 2023 im Projekt ProfQuaNB beschäftigt und arbeitete parallel zu ihrer Dissertation in der Milchviehanlage Salchow GmbH. So konnte sie ihre wissenschaftliche Forschung mit praktischen Erfahrungen in der Landwirtschaft verknüpfen.
Darüber hinaus sieht das Qualifizierungskonzept von ProfQuaNB vor, dass die Promovierenden das Projekt aktiv mitgestalten und sich mit den Anforderungen einer HAW-Professur auseinandersetzen. Dazu gehören die Beteiligung an Projektaktivitäten, die Präsentation eigener Forschungsergebnisse beispielsweise in Promotionskolloquien sowie der Austausch mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.
Als Botschafterinnen und Botschafter für den Karriereweg HAW-Professur sollen sie zudem ihre Erfahrungen weitergeben, Einblicke in ihren wissenschaftlichen Werdegang ermöglichen und andere für eine Promotion und eine mögliche akademische Laufbahn begeistern.
Mit ihrer erfolgreich abgeschlossenen Promotion und den bereits erworbenen berufspraktischen Erfahrungen erfüllt Lianne nun alle erforderlichen Qualifikationsvoraussetzungen für eine HAW-Professur.
Ihr Werdegang verdeutlicht damit, welche Perspektiven die gezielte Verbindung von Forschung, Praxis und akademischer Personalentwicklung eröffnen kann.
Wie geht es nach der Promotion weiter?
Lianne, was kommt jetzt nach der erfolgreichen Promotion?
Erst einmal eine kurze Pause! Ich möchte die Zeit mit meinen beiden Kindern genießen, die fast zwei Jahre und vier Monate alt sind. Neben der Kinderbetreuung wird man mich aber natürlich weiterhin im Milchviehstall finden.
Wie es nach meiner Elternzeit beruflich weitergeht, werde ich in den kommenden Monaten überlegen.
Und was würdest du Studierenden oder wissenschaftlichen Mitarbeitenden an der Hochschule Neubrandenburg raten, die selbst über eine Promotion nachdenken?
Ich würde empfehlen, sich frühzeitig gut darüber zu informieren, was eine Promotion mit sich bringt, sich Gedanken über eine mögliche Forschungsfrage zu machen und gezielt nach einer fachlich passenden Betreuungsperson zu suchen.
Wenn das Thema und die Betreuung stimmen und man Lust auf ein solches mehrjähriges Projekt hat, findet man an der Hochschule Neubrandenburg viel Unterstützung.
Die Kommunikationswege sind kurz, es gibt zahlreiche hilfreiche Angebote und ein sehr aufgeschlossenes, hilfsbereites Kollegium.
„Ich kann nach meiner Promotionszeit in Neubrandenburg zumindest sagen: Ich würde es wieder tun.“
Ein besonderer Erfolg für ProfQuaNB
Mit ihrer erfolgreichen Disputation am 21. Oktober 2026 ist Lianne Lavrijsen-Kromwijk die erste der vier im Projekt ProfQuaNB geförderten Promovierenden, die ihre Dissertation erfolgreich verteidigt hat. Die offizielle Promotionsbewertung wird im November bekannt gegeben.
Ihr erfolgreicher Qualifizierungsweg zeigt beispielhaft, wie wissenschaftliche Forschung, berufliche Praxis und die aktive Auseinandersetzung mit einer akademischen Laufbahn im Rahmen von ProfQuaNB miteinander verbunden werden können.
Das Team von ProfQuaNB und das Referat Forschung gratulieren Lianne Lavrijsen-Kromwijk herzlich zur erfolgreichen Promotion und wünschen ihr für ihren weiteren beruflichen und persönlichen Weg alles Gute!










