Klimaexpertinnen und -experten für Westafrika

v.l.n.r.: Dr. Erdanaev Elbek, Prof. Dr. Elke Mertens, Prof. Dr. Ralf Löwner Foto: Kathrin Schult

Es ist heiß auf dem Campus der Federal University of Technology in Minna, Nigeria. Dennoch stehen zwischen den Gebäuden aus hellem Beton junge Menschen mit Messgeräten in der Hand, notieren Koordinaten und vergleichen Satellitendaten auf ihren Laptops. Die Studierenden und Promovierenden sind Mitarbeitende im Projekt NetCDA (German Academic Network for Capacity Development in Climate Change Adaptations in Africa), in dem afrikanische Nachwuchswissenschaftler*innen untersuchen, wie Städte und Landschaften in Westafrika auf den Klimawandel reagieren und wie sie widerstandsfähiger gestaltet werden können.

Was hier passiert, ist allerdings mehr als nur ein lokales Forschungsprojekt. Es ist die Formung eines internationalen Netzwerks, das eine neue Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausbildet – Menschen, die verstehen wollen, wie sich Klima, Städte und Landschaften weltweit verändern. Und Teil dieses Netzwerks ist auch die Hochschule Neubrandenburg!

Prof. Dr. Elke Mertens, Prof. Dr. Ralf Löwner und Dr. Erdanaev Elbek betreuen im Rahmen von NetCDA derzeit sechs von insgesamt zwölf westafrikanischen Promovierenden. Gemeinsam mit Partneruniversitäten in Westafrika begleiten sie junge Forschende auf ihrem Weg, künftige Klimaexpert*innen für ihre Region zu werden. NetCDA wiederum ist eingebunden in das internationale Programm WASCAL, eines breiten Netzwerkes für Klimawissen in Westafrika.

Ein Netzwerk für Klimawissen in Westafrika

Foto Löwner

Das Programm WASCAL (West African Science Service Centre on Climate Change and Adapted Land Use) gehört gegenwärtig zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Kooperationen zwischen Deutschland und Westafrika im Bereich der Klimaforschung. Es wird vom deutschen Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) unterstützt, um auch international nachhaltige Lösungen für Landnutzung und Klimaanpassung zu entwickeln. Eine Zielsetzung ist u. a. der Aufbau einer internationalen Forschungsorganisation, die Folgen des Klimawandels in Westafrika durch Forschung, Kapazitätsaufbau (Graduiertenprogramme) und Klimadienstleistungen abzuschätzen und die notwendigen Anpassungen vorzubereiten. 

Das Projekt NetCDA verbindet zwölf Partnerinstitutionen in Deutschland mit Universitäten und Forschungseinrichtungen in Westafrika. Geleitet wird das Netzwerk von Dr. Michael Thiel an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Jede deutsche Partnerinstitution arbeitet dabei mit einer westafrikanischen Partneruniversität zusammen. Für die Hochschule Neubrandenburg ist dies die Federal University of Technology Minna (FUT Minna) in Nigeria, genauer das WASCAL-Doktorandenprogramm Climate Change and Human Habitats.

Die aktuelle Projektphase lief von 2024 bis 2025. Eine neue Förderphase ist ab Mai 2026 für weitere drei Jahre geplant. Das Ziel ist, wissenschaftliche Kompetenz zum Klimawandel in der Region Westafrika mit regionalen Akteuren aufzubauen.

„Es geht darum, Klimaexpertinnen und -experten auszubilden, die später in ihren Ländern Verantwortung übernehmen können.“ Prof. Dr. Elke Mertens

Die Promovierenden arbeiten an Themen, die für viele Regionen Westafrikas von akuter Relevanz sind – etwa steigende Temperaturen in Städten, Veränderungen der Landnutzung oder die Auswirkungen einer fortschreitenden Urbanisierung bei gleichzeitig notwendiger Entwicklung der grünen Infrastruktur.

Internationale Promotionsbetreuung über zwei Kontinente

Ein entscheidender Vorteil der Betreuung von Promovierenden im internationalen WASCAL-Netzwerk stellt dabei die Verbindung regionaler Expertise mit internationaler Forschung dar. Damit ist gewährleistet, dass die Probleme vor Ort mit internationaler Unterstützung gelöst und zugleich in einen übergreifenden Kontext gestellt werden. In dem gelebten Modell übernimmt die Hauptbetreuung der Promovierenden die Federal University of Technology Minna (Nigeria). Eine Co-Betreuung erfolgt durch eine Universität im jeweiligen Herkunftsland der Promovierenden, während eine weitere Betreuung durch einen internationalen Partner – in diesem Falle die Hochschule Neubrandenburg – übernommen wird.

„Wir sind Teil eines internationalen Betreuungsteams. Das funktioniert erstaunlich gut – auch wenn Themen, wissenschaftliche Hintergründe und Kulturen sehr unterschiedlich sind.“ Prof. Dr. Ralf Löwner

Für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Neubrandenburg bedeutet das eine durchaus herausfordernde Form akademischer Zusammenarbeit – über Kontinente, Zeitzonen und wissenschaftliche Traditionen hinweg.

Forschung über Städte, Hitze und Landnutzung

Kennzeichnend für WASCAL/NetCDA-ist die strikte Praxisorientierung der Forschungsarbeit, die akute lokale bzw. regionale Problemlagen fokussiert. 

Die Untersuchungsthemen der westafrikanischen Promovierenden bewegen sich überwiegend im Spannungsfeld von Klimawandel, Stadtentwicklung und Landnutzung. Einige Projekte beschäftigen sich etwa mit sogenannten „Urban Heat Islands“ – städtischen Hitzeinseln. In dicht bebauten Gebieten können Temperaturen mehrere Grad höher liegen als im Umland, was für die Bevölkerung dieser Areale mit verschiedenen Problemlagen verbunden sein kann. Ursachen sind zunehmend versiegelte Böden, eine enge Bebauung mit großen Betonflächen und fehlende Vegetation. Hier ist es natürlich von Vorteil, wenn entsprechende Forschungen durch Wissenschaftler*innen erfolgen, die mit den konkreten Herausforderungen vor Ort vertraut sind.

Forschungsthemen im NetCDA-Projekt sind daher unter anderem, die Verteilung von Hitze in städtischen Ballungsräumen; der Einfluss von Grünflächen auf die Wärmeverteilung in urbanen Räumen; die in vielen westafrikanischen Ballungsräumen weiterhin zunehmende Urbanisierung bzw. die Entwicklung der Landnutzung über die letzten Jahrzehnte mit Projektion in die Zukunft. Dabei kommen moderne Methoden zum Einsatz – etwa Satellitendaten, Fernerkundung und Geoinformationssysteme.

„Viele Projekte vergleichen Städte miteinander und analysieren, wie Klima, Bevölkerung und Landnutzung zusammenwirken.“ Prof. Dr. Ralf Löwner

Doch Forschung bleibt dabei nicht abstrakt. Bei einem Geländepraktikum kartierten Studierende beispielsweise die Beleuchtung auf ihrem Universitätscampus. Ausgerüstet mit GPS-Geräten und Smartphones dokumentierten sie die Standorte von Laternen und sammelten Daten zur Infrastruktur. Was ursprünglich als kleine Übung gedacht war, entwickelte sehr schnell eine eigene Dynamik. „Wir hatten zunächst vielleicht ein Dutzend Messpunkte geplant“, erinnert sich Löwner. „Am Ende hatten manche Gruppen Daten von über hundert Messstellen gesammelt.“ Viele dieser Daten sollen nun in offene Geodatenbanken wie OpenStreetMap einfließen – und so auch für lokale Planung nutzbar werden.

Wissenschaft lernen – über Kulturen hinweg

Internationale Promotionsprogramme wie WASCAL bringen nicht nur unterschiedliche Forschungsfragen zusammen, sondern auch unterschiedliche wissenschaftliche Denkweisen. Ein wichtiger Teil der Betreuung besteht deshalb darin, wissenschaftliche Arbeitsweisen zu vermitteln. „Viele Promovierende kommen zunächst mit großen Begriffen wie Klima oder Vulnerabilität“, sagt Löwner. „Aber dahinter steckt am Anfang oft noch wenig methodisches Verständnis.“ Gemeinsam arbeiten Betreuende und Promovierende daran, aus Ideen konkrete Forschungsfragen zu entwickeln und die dafür geeigneten Methoden zu finden. Gerade im Umgang mit Daten zeigen sich dabei unterschiedliche wissenschaftliche Kulturen. 

„Manche denken zunächst sehr pragmatisch: Wenn ich etwas in Google Maps sehe, reicht das doch“, erzählt Löwner. „Dann müssen wir erklären, was wissenschaftliche Daten eigentlich sind. Diese Diskussionen gehören zum Alltag der internationalen Zusammenarbeit – und sind gleichzeitig Teil des wissenschaftlichen Lernprozesses.“

Promovieren zwischen Familie und Forschung

Auch die Lebensrealität vieler westafrikanischer Promovierender unterscheidet sich von der typischer Doktorandinnen und Doktoranden in Europa. Viele von ihnen sind bereits Anfang dreißig und haben Familien. „Manchmal sitzt bei einer Onlinebesprechung einfach ein Baby im Hintergrund“, erzählt Löwner. „Und trotzdem arbeiten die Promovierenden hochkonzentriert an ihrer Forschung. Für uns als Betreuende eröffnet das eine andere Perspektive auf wissenschaftliche Karrieren. Bei uns wird oft erwartet, dass alles perfekt organisiert und geplant ist – Karriere, Finanzierung, Familienplanung, sagt Löwner. „Dort gehört Familie selbstverständlich zum Leben dazu und ist faktisch Teil der Promotion.“

Motivation, die beeindruckt

Was das Betreuungsteam aus Neubrandenburg besonders beeindruckt, ist die hohe Motivation der Promovierenden. „Viele westafrikanische Doktoranden sehen ihre Promotion nicht nur als akademischen Schritt, sondern als Möglichkeit, langfristig etwas in ihren Ländern zu verändern.

Einige bringen bereits während ihrer Promotion eigene Datensammlungen mit oder arbeiten mit offenen Geodatenprojekten. „Da war jemand dabei, der schon selbst Daten in OpenStreetMap eingetragen hat. Das zeigt, wie engagiert viele sind.“

Die Wertschätzung für Bildung und Forschung ist in diesen Ländern enorm“, sagt Mertens. „Man merkt dann auch, wie wichtig den Promovierenden diese Chance ist.“

Begegnungen jenseits der Wissenschaft

Foto Mertens: Mabel (links) und Pauline (rechts) mit dem Sensor und dem Schutzzylinder durch Fotovoltaik belüftet

Neben der wissenschaftlichen Zusammenarbeit entstehen auch persönliche Begegnungen. Als die Neubrandenburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Nigeria reisten, wurden sie mit großer Gastfreundschaft empfangen. „Wir wurden unglaublich herzlich aufgenommen“, erinnert sich Mertens. Bei einem Forschungsaufenthalt brachte sie privat gekaufte kleine Messgeräte mit – Sensoren, die Temperatur und Luftfeuchtigkeit messen können. „Ich habe sie dann vor Ort gelassen“, erzählt sie. „Damit die Promovierenden sie für ihre eigenen Feldstudien nutzen können.“ Die Reaktion darauf war so gar nicht erwartet: Die Promovierenden entwickelten umgehend eigene Ideen für neue Messkampagnen in ihren Städten.

Eine Erinnerung ist Mertens besonders geblieben. Zum Abschied erhielt sie ein handgenähtes Kleid. „Eine Mitarbeiterin hat mir über Nacht ein Kleid genäht“, erzählt sie. „Das war eine unglaublich schöne Geste.“

Wissenschaft als internationale Partnerschaft

Foto Mertens

Schaut man auf die Umsetzung und die Ergebnisse eines Programms wie WASCAL zeigt sich, dass dies über eine reine akademische Kooperation weit hinausgeht. Hier entstehen langfristige wissenschaftliche Partnerschaften zwischen Europa und Westafrika, von der letztlich beide Seiten profitieren. Denn während der Klimawandel global ist, sind wissenschaftliche Ressourcen weltweit ungleich verteilt. Internationale Programme wie WASCAL ermöglichen deshalb nicht nur Forschung, sondern bauen wissenschaftliche Kapazitäten vor Ort und langfristige Netzwerke über die kontinentalen Grenzen auf. Denn viele der Promovierenden von heute sind die Entscheidungsträger von morgen - arbeiten später in Universitäten, Ministerien oder internationalen Organisationen.

„Das über die internationale Kooperation erworbene Wissen bleibt in der Region – und genau das ist der Sinn dieses Programms.“ Prof. Dr. Ralf Löwner

Forschung ohne Grenzen

Foto Löwner

Der Klimawandel, aber auch die Probleme einer zunehmenden Urbanisierung sind globale Herausforderungen. Doch Lösungen entstehen selten an einem einzigen Ort.

Sie entstehen dort, wo Wissen geteilt wird, Perspektiven aufeinandertreffen und Menschen gemeinsam an neuen Ideen arbeiten. Das WASCAL/NetCDA-Programm ist ein Beispiel dafür: eine Kooperation zwischen Universitäten, Kontinenten und wissenschaftlichen Kulturen. Für die Promovierenden bedeutet es eine wissenschaftliche Ausbildung mit entsprechenden Karrierechancen. Ihre Heimatländer profitieren langfristig durch neue Expertisen im Umgang mit Klimawandel und nachhaltiger Entwicklung. Die deutschen bzw. europäischen Partner wiederum schaffen Netzwerkverbindungen zu künftigen Entscheidungsträgern, aus denen langfristig wissenschaftliche und wirtschaftliche Beziehungen zum beiderseitigen Vorteil entstehen. Und auch für die Hochschule Neubrandenburg bringt die Zusammenarbeit neue Perspektiven. Im Verlauf ihrer Promotion forschen und lernen die sechs WASCAL Promovierenden auch ein Semester an der Hochschule. NetCDA/WASCAL zeigt damit auf lebendige Weise, wie internationale Forschung Brücken schlagen kann – zwischen Regionen, Kulturen und wissenschaftlichen Traditionen.

Ein Rat an Promotionsinteressierte

Für Studierende, die selbst über eine Promotion nachdenken, haben die Betreuenden einen einfachen Rat:

„Eine Promotion beginnt immer mit einer guten Frage – und mit der Neugier, dieser Frage wirklich auf den Grund zu gehen.“ Prof. Dr. Elke Mertens

Wer lernen möchte, wie solche Fragen entstehen, kann dies beim Tag des Lehrens und Lernens am 21. April 2026 im Workshop „Forschungsfragen stellen“ erfahren.

4. Tag des Lehrens und Lernens - Hochschule Neubrandenburg


Projekt WASCAL / NetCDA

Klimaforschung zwischen Deutschland und Westafrika

Projektname NetCDA – German Academic Network for Capacity Development in Climate Change Adaptations in Africa Projektwebseite an der Hochschule Neubrandenburg: www.hs-nb.de/fachbereich-landschaftswissenschaften-und-geomatik/forschung-kooperation/forschung-im-fachbereich/netcda/
Ziel des Programms Ausbildung von Klimaexpertinnen und -experten in Westafrika, die Forschung, Politik und Planung im Umgang mit Klimawandel stärken.
Teil des Programms WASCAL – West African Science Service Centre on Climate Change and Adapted Land Use
Projektleitung Dr. Michael Thiel Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Projektlaufzeit 2024–2025 Neue Förderphase ab Mai 2026 geplant (3 Jahre)
Partnerinstitutionen 12 deutsche Universitäten und Hochschulen u. a. Hochschule Neubrandenburg und Universität Rostock
Partneruniversität der HS Neubrandenburg Federal University of Technology Minna (FUT Minna), Nigeria WASCAL Doctoral Research Programme Climate Change and Human Habitats

Promotionsthemen der Promovierenden

Sechs Promovierende werden derzeit von der Hochschule Neubrandenburg betreut. Ihre Forschungsprojekte untersuchen, wie Städte und Landschaften in Westafrika auf den Klimawandel reagieren und wie sie widerstandsfähiger gestaltet werden können.

Harouna Saminou Migration und urbane Hitzeinseln Untersucht, wie migrationgetriebenes Städtewachstum zur Entstehung von Hitzeinseln in Metropolen wie Lagos (Nigeria) und Niamey (Niger) beiträgt.
Joy Igbozurike Grünflächen und Klimaresilienz in Städten Analysiert, wie urbane Vegetation die ökologische Gesundheit von Städten wie Lagos, Port Harcourt, Ilorin und Abuja verbessern kann.
Mabel Blay Klimaresiliente Stadtquartiere Vergleicht Stadtviertel in Kano (Nigeria) und Kumasi (Ghana), um Strategien für klimaangepasste Stadtentwicklung zu entwickeln.
Pauline Agyeiwaa Twumasi Grüne Infrastruktur und nachhaltige Stadtplanung Untersucht, wie Grünflächen zur nachhaltigen Stadterweiterung in Abuja (Nigeria) und Accra (Ghana) beitragen können.
Ousmane Diouf Sane Grüne Infrastruktur und nachhaltige Stadtplanung Untersucht, wie Grünflächen zur nachhaltigen Stadterweiterung in Abuja (Nigeria) und Accra (Ghana) beitragen können.
Issa Loukmane Pego Klimawandel und Küstenstädte Vergleicht die Verwundbarkeit von Küstensiedlungen in Lagos (Nigeria) und Cotonou (Benin) gegenüber Klimawandelfolgen.