Im steinigen nördlichen Westjordanland ist durch den vielen Regen in diesem Jahr besonders viel Gras gewachsen; die steinige Halbwüste trägt grün

Eine Kooperation zwischen einer deutschen und vier palästinensischen Hochschulen/Universitäten und eine organisierte Summer School. Doch ist diese Kooperation nur formell und besteht Mitte bis Ende März nun lediglich aus einem organisierten (Gegen-)Besuch in Palästina? Nein! Der Austausch hat sich bereits tiefgründiger und weitgreifender entwickelt: Erstmalig sind deutsche Studierende hingereist, um im palästinensisch nördlichen Westjordanland ein fachliches Praktikum durchzuführen. Seit Anfang Februar sind die drei Studierenden direkt vor Ort im Nahen Osten und machen sich, neben dem Fachlichen, mit der Umgebung und den Gegebenheiten vertraut und treffen Studierende und Professoren der Summer School – bis dann Mitte März die komplette Gruppe der deutschen und palästinensischen Teilnehmenden anreist. Um einen Einblick zu bekommen, berichten sie von ihren (ersten) Eindrücken und Erfahrungen:

„Wir kamen in Nablus nach einer langen und abenteuerlichen Reise an. Kerstin und Philipp konnten es gar nicht erwarten und waren zwei Stunden zu früh am Flughafen in Berlin. Der Flug war gut, die “Snacks” lächerlich und die Sicherheitskontrollen gründlich, wie erwartet.
Die erste Strecke führte uns vom Flughafen Tel Aviv nach Jerusalem. Die billigste Option war ein Shuttle: 9 bis 10 Personen in einem Van und die Reise ging los. Auf dem Weg nach Jerusalem genossen wir die Landschaft; von Jerusalem ging es per Bus weiter nach Nablus.

Am zweiten Tag waren wir im Community Service Center (CSC) der Stadt, nachdem wir uns erst einmal verlaufen hatten und abgeholt werden mussten. Das CSC von Nablus ist eng mit der Universität Nablus verbunden. Es existieren verschiedene Programme zu allen Bereichen, z.B. Hilfe für ältere Menschen, Unterstützung von Kindern mit Lernschwierigkeiten, Renovierung von Wohnungen armer Familien, psychosoziale Beratung für Krankenhauspatienten oder ein Programm für das Sauber- und Grün-halten der Stadt. Am stärksten beeindruckte uns, dass jeder Studierende in Nablus (egal welchen Fachs) verpflichtet ist 50 Stunden gemeinnützige Arbeit innerhalb des CSCs zu leisten. Wir denken, das schafft Bewusstsein und bringt die Leute zum Nachdenken über sich selbst und ihre Umgebung. Wir könnten uns das auch gut an der Hochschule Neubrandenburg und anderen Hochschulen oder Universitäten in Deutschland vorstellen bzw. wir fänden es fast wünschenswert.
Untergebracht sind wir im Stadtteil Al-Ameria, der mitten auf dem Berg liegt, sodass wir einen schönen Blick auf die Stadt und die umliegenden Dörfer haben, bei gutem Wetter sogar bis nach Tel Aviv am Mittelmeer. Hat man das Taxi-System hier erst einmal verstanden, funktioniert das Fortkommen sehr gut und ist äußerst günstig; zu Fuß zu gehen ist beinahe eine Seltenheit.
Christen, Moslems und Samariter leben friedlich beieinander. Es gibt zahlreiche Moscheen und Kirchen. Fünf Mal am Tag ist der Muezzin zu hören.
Viele Leute hier haben Verwandte und Bekannte, die in Deutschland leben oder für ihr Studium nach Deutschland gehen bzw. gehen wollen. Einige haben dort studiert und sprechen noch immer sehr gut Deutsch.
Wir wurden sehr gut aufgenommen, die Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen hier ist nicht nur ein Mythos. Selbstverständlich konnten wir bereits das palästinensische Essen kosten, Tage mit Familien verbringen und den Alltag der Menschen hier kennenlernen.“

[Sebastian]

Zweite Woche in Palästina

Am Sonntag haben wir unsere ehrenamtliche Arbeit gestartet. An diesem Tag besuchten wir die Universitätsklinik von An-Najah. Wir erhielten einen Blick auf verschiedene Abteilungen des Krankenhauses, wie Dialyse, Onkologie und Pädiatrie und sprachen mit einigen der Ärzte und anderen Mitarbeitern. Das Krankenhaus hat, wie wir sahen, sehr moderne Ausrüstung, aber es scheint, dass es mehr Ärzte und Krankenschwestern als Patienten gibt..
Mittwoch begleiteten wir den Koordinator des Wohnungs-Programms auf seiner Fahrt in die umliegenden Dörfer. Unser Ziel war ein Haus in einem sehr schlechten Zustand. Die dortigen Bewohner (eine Frau und ihre drei Kinder) mussten auf dem Boden schlafen, die Wände waren nicht verputzt, die Decke undicht, die gesamte Elektrik lag offen, Schimmel in einem der Zimmer. Die Mutter zeigte uns ihre Waschmaschine, die unbrauchbar war, weil die Kabel nackt gelegen und Feuer gefangen hatten. So gab es auch keine Möglichkeit mehr die Wäsche zu waschen. Diese Familie war wirklich bedürftig angemessenem Wohnraum zu erhalten. Auf dem Rückweg hielten an einem alten Militärkomplex, der heute ein Bildungszentrum für Landwirtschaft ist. Schüler der 10. bis 12. Klasse lernen dort die Grundlagen der modernen Landwirtschaft kennen und können sich ebenso für ihr potenzielles Studium vorbereitet. Sie haben Gewächshäuser dort, wo Kräuter, Gemüse, Rosen und Erdbeeren angepflanzt werden. Wir kosteten die Erdbeeren und sie sind wirklich gut. Wir sahen auch eine Anlage für die Fischzucht. Die Karpfen sind werden für die Ausbildung in Aquakultur und den Verzehr gehalten, nicht zu Zuchtzwecken. Sebastian & Kerstin.
 Während Philipp sich um Rollstühle kümmerte und Sebastian einen geplanten Finanzantrag für ein Projekt zur Stärkung der Rolle der Frau in den ländlichen Gebieten übersah, fuhr ich mit der Koordinatorin der Lernhilfe diverse Schulen in Nablus ab. Jungen-Schulen, Mädchen-Schulen, aber es gibt durchaus auch gemischt-geschlechtliche Einrichtungen. Auf dem Plan stand eine Stunde Unterricht, danach freie Beschäftigung in den Fernseh-, PC- und Spielräumen.

[Kerstin]

Hebron

Gemeinsam mit Koordinatoren und Ehrenamtlichen des Community Service Centers sind wir nach Hebron gefahren. Zweck dieser Reise war eine Preisverleihung, bei der auch das Community Center für seine Arbeit geehrt wurde. Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. An den Marktständen entlang der Gasse, die zur Abraham-Moschee führt, kann man allerlei handgearbeitete palästinensische Souvenirs erwerben. In etwa 3 Metern Höhe über der Gasse ist, wie eine Zimmerdecke, ein Maschendrahtzaun gespannt. Uns wurde gesagt, dass der Zaun den Müll, den die israelischen Siedler, die die angrenzenden Häuser bewohnen, herunterwerfen, abhalten soll.
Am Ende der Gasse gelangt man durch ein Drehkreuz mit militärischer Bewachung zur Abraham-Moschee. Nach einer kurzen Sicherheitskontrolle durften wir die Moschee betreten. Im ersten Moment erschien der Innenraum wie der einer ganz normalen Moschee. An verschiedenen Stellen kann man hier die Gräber von Abraham, Sara und Isaak ansehen. Die zum Gebäude gehörende Synagoge auf der anderen Seite glich einer Bibliothek; an Tischen saßen Besucher und lasen in den Büchern.

[Sebastian]

Al-Quds University

Am Dienstag hatte ich das große Privileg einen ganz Tag sehr kompetent und engagiert durch die Al-Quds Universität in Abus Dis nahe Jerusalem geführt zu werden. Beim Gespräch mit der Vertreterin der Abteilung für Kontakte mit Deutschland fand ich heraus, dass sie Dinge ähnlich erlebt wie ich, auch wenn sie schon viel länger in Palästina ist. Der Austausch mit der Leiterin des Gender-Departments, das sich auch für Frauenrechte einsetzt, ließ mich etwas enttäuscht zurück. Ähnlich war es mit meinen Fragen im Studienzentrum für Sozialarbeitsstudenten innerhalb einer von der Uni aufgebauten Klinik. Niemand konnte mir wirklich Antwort geben, worin denn nun genau die jeweilige Arbeit bestünde.Der Campus in Abu Dis ist wirklich sehr schön, aber  die Bautätigkeit der Israelis zielt auch dahin die Universität immer weiter von der restlichen Umgebung abzuschneiden.  Al-Quds hat genauso wie Birzeit ein eigenes Museum auf dem Campus. In Al-Quds ist es für die politischen Gefangenen Palästinenser und deren Geschichte und Situation. Am erschreckendsten fand ich persönlich, dass es tote Gefangene und damit Gräber gibt, die ohne Namen (nur mit Nummern) sind, weil niemand weiß, wer diese Leute sind, weshalb nicht einmal deren Angehörige wissen, wo diese Person begraben ist. Auf dem Weg zurück machte ich mit meiner Begleitung noch Stopp in Ramallah. Leider war es mir nicht vergönnt Raja Shehadeh von der in Ramallah ansässigen Menschenrechtsorganisation „Al-Haq – Law in the Service of Man“, deren Anliegen es ist, internationales Recht in den besetzten Gebieten geltend zu machen, zu treffen.

[Kerstin]