Vorstellung des Projektgebietes

Lage des Projektgebietes

Das Reallabor Landschaft des Transferprojektes „HiRegion – Hochschule in der Region“ untersucht den Kulturlandschaftswandel und dessen Wahrnehmung zwischen Lieps und Havelquelle. Das etwa 160 km² große Projektgebiet umfasst von West nach Ost namentlich die vier Gemeinden Kratzeburg, Klein Vielen, Hohenzieritz und Blumenholz im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Es befinden sich im Städtedreieck Neubrandenburg, Neustrelitz und Waren.                                                    Die Region ist maßgeblich durch die Weichsel-Kaltzeit geprägt. Während sich im Osten des Projektraumes eine Endmoränenlandschaft mit zahlreichen Kuppen, Seen und Söllen erstreckt, befinden sich im Westen ausgedehnte Sanderflächen. Diese traten in besonderem Maße zu DDR-Zeiten auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz der sowjetischen Armee (Gemeinde Kratzeburg) zu Tage. Inzwischen gehört dieser Bereich zum Müritz Nationalpark und viele der ehemals offenen Flächen sind durch Kiefern und Heide bewachsen. Während in der wald- und seenreichen Gemeinde Kratzeburg aufgrund der Bodenverhältnisse und Schutzbestimmungen des Nationalparks maximal extensive Landwirtschaft betrieben wird, sind die anderen drei Gemeinden stärker agrarwirtschaftlich geprägten.

Abb.1 Lage des Projektgebietes

Geschichtlicher Überblick

Der Projektraum ist nicht nur aus naturräumlicher, sondern auch aufgrund seiner geschichtlichen Entwicklung aus kulturlandschaftlicher und kulturhistorischer Sicht interessant. Bereits im 6. Jahrhundert siedelten zwischen dem Tollensesee und der Müritz westslawische Volksstämme, deren Fürsten Anfang des 13. Jahrhunderts norddeutsche Siedler ins Land holten, damit diese das Land kolonisieren. Sie erhielten steuerfreie Hufe als Lehen und führten neben der Dreifelderwirtschaft Dorfstrukturen ein. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wurden die entstanden Rundlings-, Anger- und Straßendörfer durch Gutsanlagen erweitert oder reine Gutsdörfer gegründet. 1918 wurde die Monarchie in Folge der Novemberrevolution von der parlamentarischen Demokratie abgelöst. Von den beiden Großherzogtümern Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz, die das Land bis dahin über 200 Jahre prägten, zeugen noch heute Grenzsteine, die im Rahmen eines Studierendenprojektes kartiert wurden.

Auf der Grundlage des Reichssiedlungsgesetzes vom 10. August 1919 entstanden in beiden Freistaaten, die 1934 unter dem Druck des NS-Regimes zu Mecklenburg vereint wurden, zahlreiche Neusiedlerstellen, um unter anderem der Landflucht nach dem Ersten Weltkrieg entgegenzuwirken. Einen ausführlichen Überblick über die politisch-administrative Entwicklung der Region erhalten sie hier.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen zahlreiche Flüchtlinge nach Mecklenburg und die Einwohnerzahlen erreichten in den vier Gemeinden ihren Höchststand (1950: etwa 4.006 EW). Anschließend sank die Zahl erneut. Auch wenn die Gemeinden Ende der 1990er Jahre einen Zuwachs verzeichnen konnten, ist die Tendenz der Einwohnerzahlen insgesamt fallend. Heute leben in der Projektregion etwa 2.382 Menschen (Stand Juni 2018). Wie sich die Einwohnerzahlen der vier Gemeinden in den letzten 200 Jahren entwickelt haben, können Sie hier nachvollziehen.

Legitimiert durch die „Verordnung über die Bodenreform in Mecklenburg-Vorpommern“ von 1945 wurde 1946 in der der sowjetischen Besatzungszone ein Bodenfond durch Enteignungen von ehemaligen Kriegsverbrechern und aktiven NSDAP-Mitgliedern sowie Großgrundbesitzern gebildet, um das Land im Anschluss an Klein- und sogenannte Neubauern zu vergeben. Ziel war es, bereits bestehende Bauernhöfe mit weniger als 5 ha Fläche zu vergrößern und neue eigenständige Bauernhöfe zu gründen. Da sich der Bau von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden nur schleppend entwickelte, erließ Marschall Sokolowski im September 1947 den „Befehl 209“, der für das folgende Jahr den Bau von 12.000 Neubauernhäuser in Mecklenburg vorsah. Das nötige Baumaterial sollte durch den Abriss von Gutsanlagen bereitgestellt werden. Die Siedlungsgeschichte der Region wurde von Studierenden exemplarisch nachvollzogen und kann hier eingesehen werden.

Im Oktober 1949 wurde die Deutsche Demokratische Republik (DDR) gegründet. Drei Jahre später beschloss die Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) auf der II. Parteikonferenz die Kollektivierung der Landwirtschaft. Im Projektgebiet entstanden überwiegend Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPGen) des Typs I, in denen gemeinsam Feldwirtschaft betrieben wurde. LPGen Typ II (gemeinsame Feldbewirtschaftung und Maschinennutzung) und LPGen Typ III (gemeinsame Feld- und Viehwirtschaft) waren anfangs eher selten, unter dem Druck der SED wandelten sich später LPGen Typ I und Typ II in den Typ III um. Mit dem „sozialistischen Frühling“ 1960 erfolgte die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, bei der auch die letzten Einzelbauern einer LPG beitreten mussten. Als Folge einer Politik, die die Spezialisierung, Kooperation und industriemäßige Produktion verfolgte, wurden Kooperative Abteilungen Pflanzenproduktion (KAP) und zwischenbetriebliche Einrichtungen, wie Agrochemische Zentren (ACZ) und Kreisbetriebe für Landtechnik (KfL) gegründet. 1980 schlossen sich im Projektgebiet zwei große KAP zur LPG Pflanzenproduktion zusammen. Mit der Vereinigung beider deutscher Staaten entwickelten sich aus der LPG (P) im Projektgebiet die Agrargenossenschaft Luisenhof eG mit vier Tochterunternehmen. Die „Wende“ mündete für viele Bewohner und Bewohnerinnen in Arbeitslosigkeit, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) oder den Vorruhestand. Andere machten sich mit unterschiedlichem Erfolg selbstständig oder mussten und müssen zu ihren Arbeitsplätzen pendeln. Dies wirkt sich, wie Gespräche mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen zeigen, auch auf die sozialen Strukturen und den Zusammenhalt im Ort aus. Viele sind daher froh, dass mancherorts kleine Produktionsstätten das Dorf wieder etwas beleben, oder Vereine, wie der Kulturverein Klein Vielen e.V., Möglichkeiten des gemeinsamen Entdeckens schaffen.

Quellen:

Abbildung 1: Eigene Darstellung. 2020. Kartengrundlage: OpenStreetMap-Mitwirkende (Hrsg.). 2020; Gemeindegrenzen: Landesamt für innere Verwaltung Mecklenburg-Vorpommern Amt für Geoinformation, Vermessungs- und Katasterwesen (Hrsg.). 2020: Verwaltungseinheiten. https://www.geoportal-mv.de/portal/Geowebdienste/Fachthemen/Verwaltungseinheiten. Letzter Zugriff: 04.11.2020.

Tabelle 1: Eigene Darstellung. Datengrundlage: Geoportal Landkreis Mecklenburgische Seenplatte (Hrsg.). 2020: Gemeinden* Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. https://geoport-lk-mse.de/geoportal/gemeinden_msp.php. Unter Angabe der entsprechenden Gemeindenamen: Blumenholz, Hohenzieritz, Klein Vielen und Kratzeburg. Letzter Zugriff: 04.11.2020.

 

Behrens, H. 2020: 850 Jahre Klein Vielen - ein historischer Abriss. In: Klein Vielen e.V. – Leben zwischen Lieps und Havelquelle (Hrsg.). Dorfzeitung. Zwischen Lieps und Havelquelle. Nr. 11 (2020). S. 3-34. Abrufbar unter: kleinvielen-ev.de/wp-content/uploads/2020/10/Dorfzeitung-Nr-11-2020-Internet.pdf. Letzter Zugriff: 04.11.2020.

Lange, E. 2020: Landwirtschaft im 20. Jahrhundert. In: Gemeinde Hohenzieritz (Hrsg.). 2002: Hohenzieritz, Prillwitz und Zippelow im Wandel der Zeit. Friedland. S. 18-31.

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Schich, W. 2003: Der Ausbau des Landes Stargard unter der Herrschaft der Markgrafen von Brandenburg - die mittelalterlichen Grundlagen der Kulturlandschaft im östlichen Teil von Mecklenburg-Strelitz. In: Landesheimatverband Mecklenburg-Vorpommerns (Hrsg.). 2003 (1. Auflage): Vom Anfang und Ende Mecklenburg-Strelitzer Geschichte. Zusammengestellt von Karola Stark. Druckerei Steffen GmbH. S. 11-44.

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