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„Kinder essen am liebsten PiPaPo“ – Prof. Meier verrät gesunde Varianten

Foto: Cirstea; Prof. Dr. oec. troph. Jörg Meier ist im Studiengang Lebensmitteltechnologie für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaft zuständig und engagiert sich beruflich wie ehrenamtlich in verschiedenen Organisationen für gesunde Ernährung von Kindern.
Foto: HiRegion, Hochschule Neubrandenburg; Wenn Kinder bei der Planung und Zubereitung der Speisen mit einbezogen werden, freuen sie sich über die Ergebnisse und essen gerne mit.

Prof. Meier weiß, worauf Eltern gerade jetzt besonders achten sollten:

Für viele Kinder fühlt sich die Situation gerade an wie Ferien. Da dürfen die meisten ein wenig mehr naschen. Wie viele Süßigkeiten dürfen Kinder essen, ohne gesundheitliche Risiken wie Übergewicht einzugehen?

In der Tat ist das Angebot an Süßigkeiten und Knabbereien groß, gleich ob Schokoriegel, Gummibärchen oder Chips & Co. Gerade in einer solchen Zeit, in der der übliche Tagesablauf unterbrochen ist und manchmal auch Langeweile oder Frust entstehen können, ist ein Griff zu Süßigkeiten nicht selten. Gegen das Naschen ist prinzipiell nichts einzuwenden, wenn die Mengen stimmen. Allgemein gilt die Empfehlung, dass bei einer sonst ausgewogenen Kost ein Anteil von maximal 10 Prozent der täglichen Energiezufuhr aus Süßigkeiten und Knabbereien toleriert werden kann. Rechnet man das konkret auf die Werte von beispielsweise 4 bis 6-jährigen Kindern um, sind das maximal 150 kcal pro Tag. Was bedeutet das praktisch? 10 Gummibärchen liefern ungefähr 70 kcal. Oder wenn man eher in den Snackbereich schaut, so liefern 25g Chips rund 140 kcal.

Da sind die 10 Prozent schnell erreicht. Daher ist es in jedem Fall sinnvoll, mit den Kindern über den Konsum von Süßigkeiten zu sprechen und gemeinsam Regeln für den Verzehr zu vereinbaren. Auch festgelegte Nachzeiten können Struktur geben, wie beispielsweise nach einer Hauptmahlzeit wie dem Mittagessen und nicht einfach zwischendurch oder gar vor einer Mahlzeit. Und natürlich lernen auch hier Kinder von Vorbildern: den Eltern und deren Verhalten. Insgesamt sind regelmäßige Mahlzeiten die beste Vorbeugung gegen häufige Naschaktionen. Denn ist der Hunger mit einer guten Mahlzeit gestillt, haben die meisten Kinder auch nicht mehr das große Verlangen nach Süßigkeiten.

Fakt ist, dass die meisten Kinder eher zu Pommes und Pasta greifen als zu Salat. Wie können Eltern ihren Kindern ein Gefühl für eine ausgewogene Ernährung vermitteln ohne dass Kinder den Spaß am Essen verlieren?

Nicht nur Pommes und Pasta stehen oben auf der Hitliste der Kinder. Genau genommen sind es die beliebten PiPaPo, also Pizza, Pasta, Pommes. Wenn die Kinder diese Gerichte so gern mögen, kann man sich überlegen, wie man solche Speisen verbessern kann. Meistens geht es dann darum, den Fettgehalt zu vermindern und den Gemüse- und Vollkornanteil zu erhöhen. Bei der Pizza klappt das gut, wenn Sie einen Teil Vollkornmehl für den Teig nehmen und Gemüsesorten wie Brokkoli zusammen mit passierten Tomaten mit dem Pürierstab zerkleinern und dann als Grundbelag auf den Teig geben. Als Toppings können Sie die feingeschnittenen Lieblingsgemüse der Kinder auf die Pizza legen und fettreiche Zutaten wie Salamischeiben einfach reduzieren. Wenn eher Nudeln auf dem Speiseplan stehen, wählen Sie die Vollkornvariante und pürieren auch hier als Soße verschiedene Gemüsesorten und passierte Tomaten mit dem Mixstab. Den Fettanteil der Soße kann man einfach über die Hackfleischmenge und -art steuern. Auch hier gilt, weniger ist mehr. Und zum Schluss: Für die frittierten Pommes sind Backofenpommes eine gute Alternative. Sie haben deutlich weniger Fett. Auf ganz natürliche Weise.

Das klingt relativ einfach umsetzbar. Wo kann man sich denn über diese Tipps hinaus Ideen für gesunde und leckere Kindergerichte holen?

Schauen Sie am besten gemeinsam mit den Kindern in Rezeptbücher oder wählen Sie gute Rezeptseiten im Internet, beispielsweise auf den DGE-Seiten von Fit Kid: www.fitkid-aktion.de/rezepte/ oder der Aktion Schule plus Essen: https://www.schuleplusessen.de/rezepte/

Die dort vorgestellten Rezepte sind von Fachkräften entwickelt, von Kindern getestet und liefern geschmackliche Vielfalt und die Nährstoffe, die Kinder brauchen. Lassen Sie die Kinder daraus Rezepte wählen, planen zusammen die Vorbereitung und Zubereitung, geben jedem einen Verantwortungsbereich und genießen gemeinsam die Ergebnisse.

Wenn wir ein gesundes Mittagessen für die Kita oder Schulkantine kochen sollten, was würden Sie uns empfehlen?

In jedem Fall würde ich der Kita oder der Schule empfehlen, die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zu nutzen. Für beide Lebenswelten hat die DGE im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zielgruppenspezifische Standards entwickelt wurde. Als Basis für diese Empfehlungen dienen nicht nur aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch Hinweise für die praktische Umsetzung in der Gemeinschaftsverpflegung für die jeweilige Lebenswelt.

Konkret bedeutet dies, dass jeden Tag eine Getreidekomponente eingeplant sein sollte. Am besten in Form von Vollkornvarianten wie Vollkornnudeln oder Naturreis. Auch Kartoffeln gehören als Energiespender mit auf den Plan. Gemüse sollte ebenfalls jeden Tag in Form von Rohkost und gegarten Varianten aus frischem Gemüse oder TK-Gemüse auf den Tisch kommen. Fleisch hingegen sollte höchstens zweimal pro Wiche eingeplant werden und dann in Form von magerem Muskelfleisch, wie von der Pute oder vom Hähnchen. Fisch ist bei Kindern unterschiedlich beliebt, aber eine Fischmahlzeit pro Woche liefert wichtige Nährstoffe, die in anderen Lebensmitteln sonst nur wenig zu finden sind.

Wer das Angebot in der Schulkantine oder der Kitaküche verbessern möchte, kann sich auch direkt an die Vernetzungsstellen Kita- und Schulverpflegung in Schwerin wenden.

Broschüren zu dieser Thematik finden Sie im Internet unter: https://www.fitkid-aktion.de/dge-qualitaetsstandard/

Sie sind neben Ihrer Tätigkeit an der Hochschule Neubrandenburg auch für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ehrenamtlich aktiv und haben in dieser Funktion unter anderem die Qualitätsstandards für die Lebenswelt Kita mitentwickelt. Was sind die wesentlichen Inhalte der Qualitätsstandards?

Der Qualitätsstandard für die Verpflegung in Tageseinrichtungen für Kinder, wie er offiziell heißt, beschreibt wie ein gesundheitsförderndes Verpflegungsangebot aussehen sollte und hilft somit bei der Planung sowie der Einhaltung der Vorgaben. Nutznießer von einer guten Essensqualität sind in erster Linie die Kinder. Gleichzeitig geben die Standards den Verantwortlichen in der Lebenswelt Kita Sicherheit, denn Kitaleitungspersonal, Köche und Köchinnen, Caterer, Erziehende und Hauswirtschaftskräfte können sich auf diese fundierten Materialien verlassen.

In den Qualitätsstandards geht es nicht nur darum, die ernährungsphysiologischen Anforderungen für die jeweilige Altersgruppe darzustellen. Vielmehr werden konkrete Empfehlungen für die optimale Lebensmittelauswahl und die praktische Speiseplanung gegeben. Dabei werden die Rahmenbedingungen in einer Kita natürlich passend berücksichtigt.

Inwiefern profitieren unsere Kinder von der Umsetzung der Standards?

Eine Verbesserung der Ernährung hat langfristige Konsequenzen: Die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit wird verbessert. Bei den Kindern wird zusätzlich das Ernährungs- und Verbraucherverhalten über die optimierte Versorgung positiv begleitet. Und schließlich ist eine bedarfsgerechte Ernährung immer noch der beste Beitrag für die Gesundheit.

Welchen Einfluss hat die Kita- bzw. Schulverpflegung auf die Essgewohnheiten von Kindern?

Kinder lernen viel durch Nachahmung, also durch Vorbilder. Kita und Schule liefern solche Vorbilder. Wenn man Kita- und Grundschulzeit addiert, kommt man auf rund 5 Jahre. Bei 5 Kita- oder Schultagen pro Woche, entstehen in diesen 5 Jahren viele Prägemomente, an die sich die Kinder erinnern oder indirekt in ihr Verhaltensrepertoire aufnehmen. Das Essen in Kita und Schule prägt somit auch das Geschmacksempfinden und Vorlieben für verschiedenen Speisen. Kinder können dabei in ihrer Entwicklung unterstützt werden, wenn das Essen abwechslungsreich ist und immer wieder Neues auf den Tisch kommt. Je größer die Bandbreite an angebotenen Lebensmitteln und Gerichten ist, desto besser. Und dabei ist es ganz normal, dass nicht alle Lebensmittel sofort zu Hits werden. Auch Vorlieben dürfen sich entwickeln.

Manchmal wird die Forderung laut, ein Schulfach „Ernährung“ einzuführen, unter anderem um Familien in ihrer Verantwortung zu entlasten. Wie sehen Sie das?

Es ist in jedem Fall sinnvoll, der Ernährung auch in der Schule einen größeren Stellenwert beizumessen. Gemeinsam mit anderen Lernfeldern aus den Bereichen Gesundheit und Soziales könnte das eine gute Kombination ergeben. Dies sollte aber in keinem Fall dazu dienen, die Verantwortung der Eltern auf die Schule zu verschieben. Das Elternhaus hat auch in Sachen Essen und Trinken eine große Vorbildfunktion. Gleichzeitig kann Schule dafür sorgen, altersgerechte Informationen praxisnah und handlungsorientiert für die jeweilige Zielgruppe in einer förderlichen Lernumgebung anzubieten. So kann sich bei den Schülerinnen und Schülern ein Ernährungswissen und eine Handlungskompetenz entwickeln. Und genau das ist für aktuelle und zukünftige Generationen von großer Bedeutung.

Verraten Sie uns zum Schluss noch Ihre Lieblingsspeise?

DAS Lieblingsessen habe ich eigentlich nicht. Neben Geschmack spielen bei mir Saisonalität und Regionalität bei der Lebensmittelauswahl eine große Rolle. Und besonders wichtig ist für mich, die Mahlzeiten in netter Runde sei es mit Familie, Freunden oder interessanten Menschen zu genießen.


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