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Experimentierfeld AgriSens DEMMIN 4.0: Digitalisierung im Pflanzenbau

Hochschule Neubrandenburg, Prof. Dobers
Bei der Übergabe der Bescheide durch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner: Unter den Vertretern der beteiligten Forschungsinstitute war auch Prof. Eike Stefan Dobers (2. v. li.). Foto: BMEL/Photothek/Zahn

Hierzu startet ein regionales, digitales Experimentierfeld in Mecklenburg-Vorpommern, an dem auch die Hochschule Neubrandenburg maßgeblich beteiligt ist. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert. Anfang März übergab Ministerin Julia Klöckner die Förderbescheide.

Wir von der HiRegion-Redaktion fragten Prof. Dr. Eike Stefan Dobers, Professor für Pflanzenbau an der Hochschule Neubrandenburg, nach dem praktischen Nutzen des Forschungsprojekts.

Herr Prof. Dobers, was genau sieht man auf den Bildern der Fernerkundung und wie kann die Landwirtschaft diese Informationen nutzen?

Auf Bildern der Satelliten- und Luftbildfernerkundung sieht man zu allererst einmal die Reflexion der Sonnenstrahlen durch die Erdoberfläche bzw. die Pflanzendecke. Zudem bieten vor allem Satellitenbilder spektrale Informationen im Infrarotbereich, die dem menschlichen Auge nicht zugänglich sind. So können Landwirt*innen, vereinfacht gesagt, Informationen über die Vitalität der Pflanzenbestände erhalten. Je nach Zeitpunkt der Aufnahme, den vorherigen Wachstumsbedingungen und praktizierten Anbaumaßnahmen sehen sie innerhalb von Feldgrenzen unterschiedlich gut entwickelte Pflanzenbestände, Fehlstellen, Verunkrautung, Bewirtschaftungsfehler, Drainage-Probleme und noch vieles mehr. Die Interpretation solcher Bilder ist anspruchsvoll, aber wertvoll und erlernbar.

Wie kommt ein Landwirt an die Geodaten?

Die von uns gemeinsam mit den Partnern in dem Forschungsprojekt bearbeiteten Themenfelder konzentrieren sich auf Nutzung von Satelliten- und Luftbild-Daten. Die Satellitendaten werden von der Europäisches Weltraumorganisation (ESA) jedem Interessierten frei zur Verfügung gestellt. Das macht diese Datenquelle so attraktiv. Landwirt*innen oder Dienstleister können sich die Daten selbst herunterladen. Alle 5 Tage liegen neue Bilder vor, wenn es nicht gerade bewölkt ist. Aber auch herkömmliche Luftbilder, sei es von Drohnen oder durch eine Cessna-Befliegung erstellt, liefern wertvolle Informationen. Zum Teil haben Landwirt*innen bereits eigene Drohnen, die sie einsetzen können, oder sie nutzen Dienstleister für diesen Bereich. Luftbilddaten werden leider in der praktischen Landwirtschaft noch zu wenig genutzt – auch, weil sie manchmal sehr komplexe Inhalte zeigen und schwer zu interpretieren sind. Die Hochschule Neubrandenburg widmet sich unter anderem verstärkt der Erstellung von Interpretationshilfen für normale Farbluftbilder.

Wieso werden diese Technologien noch nicht flächendeckend eingesetzt?

Für den Einsatz dieser Fernerkundungstechnologie in der praktischen Landwirtschaft ist neben den reinen Daten auch zumindest grundlegende Kenntnis über die Verarbeitung der Daten mit dem Computer notwendig. Hier fehlt es in der Breite noch an Wissen und an fachlich sinnvoll ausgerichteten Weiterbildungsmöglichkeiten. An unserer Hochschule bieten wir seit etwa 5 Jahren diese Aspekte in der Lehre für Bachelor- und Master-Studierende der Agrarwirtschaft an. Die Angebote werden gut genutzt.

Welchen Beitrag leistet die Hochschule Neubrandenburg in dem Projekt?

Die Hochschule Neubrandenburg hat bei den Arbeiten im Projekt „AgriSens DEMMIN 4.0“ in erster Linie die landwirtschaftlichen Praxisbetriebe im Fokus und deren Möglichkeiten, Bedarfe und Strategien der Digitalisierung. Auch die digitale Anbindung an die anderen Partner in der Wertschöpfungskette haben wir im Blick. An diesen Themen arbeite ich als Pflanzenbauer mit meinen drei Kolleg*innen aus den Bereichen Ökonomie, Unternehmensführung/Beratung und Landtechnik eng zusammen.

Was machen Sie dabei konkret?

Wir erkunden, welche Geodatenquellen im Untersuchungsraum von Landwirtinnen und Landwirten bereits sinnvoll genutzt werden bzw. wo noch Bedarf besteht oder was quasi nebenbei erzeugt werden könnte. Zudem konzentrieren wir uns auf die bessere Nutzung von Luftbildern. Damit ergänzen wir die intensiven Arbeiten bezüglich der Satellitentechnologie durch die anderen Partner im Gesamtforschungsverbund des Experimentierfeldes sehr gut. Des Weiteren interessiert uns, wie Landwirtinnen und Landwirte mit Hilfe von Geodaten ein betriebsinternes Versuchswesen aufbauen können, um so ganz betriebsindividuell ihre Produktionsverfahren mit verlässlichen Daten zu verbessern. Das Stichwort hierfür ist on farm research.

Als wichtiges weiteres Feld haben wir den Transfer der erarbeiteten Ergebnisse und Verfahren im Blick – das ist ja sozusagen unser alltägliches Arbeitsthema an einer Hochschule. Wir werden didaktische Materialien und Interpretationsschlüssel erarbeiten, so dass die effektive Geodatennutzung für Landwirtinnen und Landwirte kein so großes Hindernis mehr darstellen sollte. In Neubrandenburg sind wir außerdem verantwortlich für die ökonomische Auswertung der verschiedenen Praxisversuche und Anwendungsfälle. Diese Ergebnisse sind wichtig bei Entscheidungen über die weitere Digitalisierung von Betrieben.

Was erwarten Sie von dem Projekt?

Ich persönlich freue mich auf die intensive Zusammenarbeit mit den verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben, meinen Kolleginnen und Kollegen an der Hochschule und den anderen Partnern im Verbund. Es ist dadurch sehr viel Expertenwissen in unserem Projekt vorhanden, welches auf jeweils unterschiedlichen Bereichen wirksam ist. Ich erwarte, dass es gelingt, die Nutzung von digitalen Fernerkundungsdaten und weiteren Geodaten in landwirtschaftlichen Betrieben deutlich stärker zum Alltag werden zu lassen. Dadurch bekommen die Landwirt*innen ein sehr mächtiges Werkzeug für die zukünftige Weiterentwicklung ihrer Betriebe in die Hand. Dies dient uns allen und macht den Beruf Landwirt*in noch mal interessanter. Im Bereich der Forschung bin ich sicher, dass wir auch diverse neue Erkenntnisse erarbeiten werden – aber das ist nicht die Hauptzielrichtung der Experimentierfelder. Unsere Hauptaufgabe besteht im Transfer der bereits vorhandenen Datenquellen und Verwendungsrichtungen in die Praxis.

Vielen Dank, Herr Prof. Dr. Dobers

Der AgriSens DEMMIN 4.0-Forschungsverbund setzt sich aus dem Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) Potsdam, als Koordinator, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt der Standorte Neustrelitz, Oberpfaffenhofen und Jena, dem Julius-Kühn Institut Braunschweig, dem Deutschen Wetterdienst, der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sowie der Hochschule Neubrandenburg zusammen. Die landwirtschaftlichen Akteure bilden regionale Landwirtschaftsbetriebe im Raum Demmin in Mecklenburg-Vorpommern, sowie Partnerbetriebe der beteiligten Forschungseinrichtungen, die sich über ganz Deutschland verteilen. In den nächsten drei Jahren können sich weitere interessierte landwirtschaftliche Akteure dem Projekt anschließen.

 

           


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