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Der Internationale Anti-Diät-Tag: was sagt ein Diätassistent dazu?

Foto: Hochschule Neubrandenburg; Robert Renter; B.Sc. Diätetik: Mitarbeiter im Projekt E-Armonia

Robert Renter ist Diätassistent und Mitarbeiter im In-Institut für evidenzbasierte Diätetik (NIED) der Hochschule Neubrandenburg. Hier widmet er sich dem Forschungsprojekt Armonia. Was bedeutet Diät in seinem beruflichen Kontext? Wie hilft die Diätetik dabei, betriebliche Gesundheitsförderung umzusetzen? Diese Fragen beantwortet Rentner hier im Interview:

Herr Renter, was halten Sie von einem „Anti-Diät-Tag“?

Das ist eine gute Frage, die etwas mehr Tiefe verlangt. Denn zunächst ist es wichtig, ein gemeinsames Verständnis für den Terminus „Diät“ zu entwickeln.

Der Begriff Diät bezieht sich nicht nur auf das Ziel der Gewichtsreduktion, sondern eher auf das Umsetzen einer bestimmten Ernährungsform. Beispiele dafür finden wir in vielen verschiedenen Bereichen. Für meine Berufsgruppe relevant ist der medizinische Kontext, in dem eine Diät zur Therapie wird. Hier werden Diäten aufgrund medizinischer Notwendigkeit von Ärzten verordnet. Zum Beispiel wird eine purinarme Diät bei Gicht empfohlen, um ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Auch medizinisch notwendig ist die glutenfreie Diät bei an Zöliakie erkrankten Kindern, die lebenslang auf glutenhaltige Nahrungsmittel wie Weizen oder Roggen verzichten müssen. In diesem Sinne würde sich ein „Anti-Diät-Tag“ gegen eine Vielzahl kurativer Ernährungsformen aussprechen, was natürlich fragwürdig wäre.

Aber um die Frage in der gemeinten Bedeutung zu beantworten: Ich denke in jedem von uns steckt ein mehr oder weniger ausgeprägter Drang nach dem eigenen Schönheitsideal, was bis zu einer gewissen Ausprägung auch vollkommen in Ordnung ist. Der Anti-Diät-Tag ist eine gute Möglichkeit, diesen Drang für sich ganz persönlich zu hinterfragen. Denn selbstauferlegte Diäten können – natürlich je nach Ausprägung ­– auch viele unerwünschte Nachteile mit sich bringen.

Und worum geht es bei Ihrer Arbeit als Diätassistent?

Mir geht es als Diätassistent darum, Menschen bei der Umsetzung bestimmter Diäten zu unterstützen, aber eben aus rein medizinischer Notwendigkeit. Diese Notwendigkeit kann sich aus verschiedenen Erkrankungen ergeben. Beispiele dafür sind z.B. Erkrankungen bestimmter Organe wie Leber oder Niere, Schluckbeschwerden, Verdauungs- oder Stoffwechselstörungen, Krebserkrankungen oder auch Mangelernährung und viele weitere.

Sie merken bestimmt schon, das hat nur selten etwas mit dem Ziel des Abnehmens zu tun. Bei der Arbeit von Diätassistenten*innen in Kliniken geht es überwiegend um die klinische Diätetik, in der Ernährungstherapien in einem Ernährungsteam ausgearbeitet und umgesetzt werden. Darüber hinaus umfasst dieser Tätigkeitsbereich natürlich auch die Ernährungsberatung der Betroffenen im Krankenhaus. Diätassistenten*innen arbeiten aber auch bei Krankenkassen, in Arztpraxen oder selbstständig im ambulanten Bereich. Oder bringen ihre Expertise – wie in meinem Fall – in Forschungsprojekten für die betriebliche Gesundheitsförderung ein.

Das Forschungsprojekt Armonia, in dem Sie tätig sind, wird von der AOK Nordost unterstützt und vom NIED durchgeführt. Worum geht es genau?

Das Ziel des Forschungsprojektes Armonia ist die Entwicklung und Prüfung des digital unterstützten Ernährungsprogramms namens „e-Armonia“ für die betriebliche Gesundheitsförderung. Bisher wurden eine Machbarkeitsstudie und erste Austestungen der Wirksamkeit in verschiedenen Callcentern durchgeführt, in denen die Stärken, Schwächen sowie das Potenzial von e-Armonia in unterschiedlichen Konstellationen geprüft wurden.

An wen richtet sich das Programm?

Das Programm hat sich bisher primär an Mitarbeitende von Callcentern gerichtet. Also einer Gruppe von Menschen, der es aufgrund von rigiden Arbeitsbedingungen, hohem Stresslevel und niedrigem Einkommen oft an der Umsetzung einer gesundheitsfördernden Ernährung mangelt. Die überwiegend sitzend ausgeübten Tätigkeiten und steigender Leistungsdruck bei gleichzeitig hoher Konzentration verstärken die Problematik. Hinzu kommt, dass es lokal oft an Möglichkeiten mangelt, kostengünstige und gesundheitsfördernde Mahlzeiten zu erhalten. Daher sind viele Arbeitnehmende, aber auch viele Unternehmen an einer verbesserten gesunden Ernährungs‐ und Lebensweise interessiert.

Wie ist das Programm aufgebaut?

Die zunehmende Affinität vieler Personen zu IT‐basierten Programmen ermöglichen heute neue Wege der Gesundheitsförderung mit digitalen Medien, die individuell, zeitsparend und selbstmotivierend eingesetzt werden können. Genau an dieser Stelle setzt e-Armonia an.

Es handelt sich um eine interaktive Lernplattform, welche mit verschiedenen Anreiz- und Motivationselementen darauf abzielt, eine in den Alltag integrierbare, positive und gesunde Verhaltensveränderung bei den Nutzern zu erreichen. Hierfür haben wir insgesamt sieben Einheiten integriert, zum Beispiel Lerneinheiten zu Themen aus der Ernährungswissenschaft, Ernährungs- oder Bewegungschallenges oder Rezepte.

Im Januar dieses Jahres fanden Abschlussuntersuchungen zu dem Projekt statt. Welche Ergebnisse sind für Sie besonders relevant?

Die gesamte Entwicklung der Probandinnen und Probanden war spannend und interessant mitzuerleben, von der Entwicklung bis hin zum Erreichen individuell gesetzter Ziele. Einige können wirklich stolz auf die nachhaltigen Veränderungen im Ernährungs- und Bewegungsverhalten sein.

Welchen Beitrag konnte e-Armonia bisher für die betriebliche Gesundheitsvorsorge leisten?

Da die Ergebnisse der Studie noch nicht veröffentlicht sind, kann ich nur wenig dazu sagen. Jedoch zeigen sich Verbesserungen im Körpergewicht, bei Blutwerten, der Lebensqualität sowie im Ernährungsverhalten, gemessen am Verzehr gesundheitsfördernder Lebensmittel. Visionär gedacht könnte das Programm Armonia nicht nur im beruflichen Setting „Callcenter“, sondern auch in anderen Bereichen Anwendung finden.

Gibt es allgemeingültige Regeln für die betriebliche Gesundheitsvorsorge, die jeder befolgen kann?

Zu empfehlen sind hierarchie- und gruppenübergreifende Kooperationen und transparente Kommunikation. Durch vermehrte Transparenz, Einbeziehung möglichst vieler Personen und Aktivierung können gesundheitsrelevante Kompetenzen entwickelt werden. Empfohlen wird auch die Kombination aus Verhaltens- und Verhältnisprävention. Also aus Veränderungen im Verhalten jeder einzelnen Person sowie Veränderung im Umfeld. Das kann eine gesundheitsförderliche Gestaltung des Arbeitsplatzes sein, gesunde Snackautomaten, Wasserspender, gesunde Kantine und vieles mehr.

Welche Empfehlungen haben Sie – in Anlehnung an e-Armonia – für die betriebliche Gesundheitsförderung?

Betriebliche Gesundheitsförderung – kurz BGF – von außen, wie sie mit e-Armonia in den Callcentern Einzug gehalten hat, kann erwiesenermaßen erfolgreich sein. Im besten Fall gestaltet sich BGF in allen Bereichen, von der Problemanalyse über die Maßnahmenplanung und -durchführung bis hin zur Evaluation immer unter Einbezug der Mitarbeitenden auf allen hierarchischen Ebenen. Der Mehrwert, den das Gefühl der Wertschätzung unter den Mitarbeitenden auf das Gelingen der BGF haben kann, ist nicht zu unterschätzen.


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